2. Juni 2026

Von Noemi Kirschbaum
Die Karriereleiter hat ein Problem: Sie funktioniert nur dann gut, wenn die Welt um sie herum einigermaßen stabil bleibt. Wenn Berufe klar definiert sind, Karrierewege vorhersehbar verlaufen und Erfahrung fast automatisch zu Sicherheit führt.
Viele Menschen erleben derzeit etwas anderes: Sie verfügen über Fachwissen, Berufserfahrung und einen soliden Lebenslauf. Gleichzeitig stellen sie fest, dass sich Rollen verändern, neue Anforderungen entstehen und die alte Logik von Karriere nicht mehr überall aufgeht.
Zeit für ein neues Bild.
Das Career Salad Framework beschreibt Karrieren als Mischung unterschiedlicher Erfahrungen, Kompetenzen und Interessen. Und es erklärt überraschend gut, warum gerade in unsicheren Zeiten nicht die perfekte Karriereleiter zählt, sondern die Qualität der Zutaten.
Was ist eigentlich aus dem Versprechen einer sicheren Karriereleiter für Expert*innen, von der Ausbildung bis zur Rente geworden?
Naja, sie ist zu einem Salat geworden.
Das hört sich auf den ersten Blick nicht besonders stabil und erfolgsversprechend an. Bei genauerer Betrachtung hilft uns das Career Salad Framework aber gearde in unsicheren und instabilen Lebensumständen. Also genau die Phasen, die durch Layoffs, technologischen Sprüngen und unsicheren Märkten geprägt sind.
Denn die Vorstellung einer Karriereleiter folgt einer vergleichsweise einfachen Logik: Man sammelt Wissen, gewinnt Erfahrung, übernimmt mehr Verantwortung und steigt Schritt für Schritt nach oben.
Viele Menschen sind genau mit diesem Bild in ihr Berufsleben gestartet. Die Realität sieht heute oft deutlich unübersichtlicher aus: Rollen verändern sich, Unternehmen strukturieren sich um und neue Themen entstehen oft schneller, als bestehende Berufsbilder darauf reagieren können.
Die Karriereleiter vermittelt ein Gefühl von Ordnung. Ein Schritt folgt auf den nächsten. Mit zunehmender Erfahrung steigt man weiter auf, spezialisiert sich, wird Expert*in und erreicht irgendwann die nächste Stufe.
Ein Salat funktioniert anders: Er besteht aus vielen Zutaten, die nicht ordentlich übereinander angeordnet sind. Manche passen auf den ersten Blick zusammen, andere wirken zunächst zufällig. Erst mit etwas Abstand erkennt man, dass gerade diese Mischung den eigentlichen Wert ausmacht.
Viele berufliche Lebensläufe sehen heute genau so aus. Da gibt es Fachwissen aus unterschiedlichen Bereichen. Projekte, die ursprünglich gar nicht Teil des eigenen Berufsbildes waren. Erfahrungen aus Ehrenamt, Führung, Weiterbildung oder Branchenwechseln. Fähigkeiten, die nie Teil einer offiziellen Stellenbeschreibung waren und trotzdem jeden Tag genutzt werden.
Auf einer Karriereleiter wirken solche Umwege oft wie Abweichungen vom Plan.
In einem Karrieresalat werden sie zu Zutaten.
Das Problem ist nur: Viele Menschen bewerten ihre Laufbahn noch immer nach den Regeln der Karriereleiter, obwohl sie längst in einem Karrieresalat unterwegs sind.
Dadurch entsteht häufig das Gefühl, nicht genug Fokus zu haben. Nicht spezialisiert genug zu sein. Nicht genau sagen zu können, wofür man eigentlich steht.
Dabei liegt die Herausforderung oft an einer anderen Stelle: den Wert der eigenen Mischung zu erkennen und in einem veränderten Umfeld neu einordnen zu können.
Noch immer orientieren sich Stellenprofile, Karrierepfade und manchmal auch unser eigenes Selbstbild an Berufen und Rollen, die in einer deutlich planbareren Arbeitswelt entstanden sind. Die Realität sieht inzwischen häufig anders aus.
Technologische Entwicklungen wie AI, Automatisierung oder neue Formen der Zusammenarbeit verändern nicht nur einzelne Tätigkeiten. Sie verändern die Art, wie Arbeit organisiert wird. Aufgaben wandern zwischen Teams, neue Verantwortlichkeiten entstehen und bisher getrennte Bereiche arbeiten enger zusammen.
Interessanterweise verschwinden die wenigsten Aufgaben komplett. Sie verändern sich. Projektmanager*innen beschäftigen sich zunehmend mit digitalen Produkten. Fachbereiche arbeiten enger mit Technologie zusammen. Führungskräfte müssen verstehen, wie AI Entscheidungen beeinflusst.
Zwei Menschen können heute denselben Jobtitel tragen und trotzdem sehr unterschiedliche Aufgaben haben. Gleichzeitig arbeiten Menschen mit völlig unterschiedlichen Hintergründen an ähnlichen Herausforderungen.
Product Owner werden nicht mehr nur klassisch in der Produktentwicklung gefragt. Sie werden im Customer Service, in Finance, in HR gesucht.
Viele Unternehmen suchen heute weniger nach starren Rollenprofilen. Gefragt sind Menschen, die unterschiedliche Erfahrungen verbinden können. Menschen, die Zusammenhänge erkennen, zwischen Fachbereichen vermitteln und sich in neue Themen einarbeiten können.
Oder anders gesagt: Der Wert liegt immer seltener in einer einzelnen Zutat. Er entsteht aus der Kombination.
Und genau deshalb gewinnt der Karrieresalat an Bedeutung: weil die Mischung aus Erfahrungen, Perspektiven und Fähigkeiten für viele Rollen inzwischen genauso relevant ist wie das Fachwissen selbst.
Wer jetzt den Eindruck bekommt, Fachwissen spiele künftig keine Rolle mehr, liegt allerdings genauso daneben.
Fachwissen bleibt eine der wichtigsten Grundlagen beruflicher Arbeit. AI kann Informationen bereitstellen, Zusammenfassungen erstellen oder Vorschläge machen. Ob diese Vorschläge sinnvoll sind, entscheidet sich häufig erst durch die Erfahrung der Menschen, die damit arbeiten.
Wer sein Fachgebiet kennt, erkennt Zusammenhänge schneller. Kann Risiken besser einschätzen. Stellt die richtigen Fragen. Und merkt häufig früher, wenn etwas nicht zusammenpasst.
Interessant wird es an der Stelle, an der Wissen auf Anwendung trifft. Denn Informationen sind heute nahezu unbegrenzt verfügbar. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, zu entscheiden, welche Informationen relevant sind, wie sie eingeordnet werden müssen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Dadurch gewinnt Kontextverständnis an Bedeutung.
Ein Product Owner betrachtet eine Anforderung anders als ein Entwickler. Eine Führungskraft bewertet dieselbe Situation anders als ein Data Analyst. Das Wissen mag ähnlich sein. Der Kontext verändert die Perspektive.
Genau deshalb beschäftigen sich viele Rollen heute stärker mit dem Übersetzen und Priorisieren von Wissen. Informationen müssen eingeordnet, Entscheidungen nachvollziehbar gemacht und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbunden werden.
Auch hier hilft das Bild des Karrieresalats.
Die einzelnen Zutaten bleiben wichtig. Die Stabilität einer Karriere entsteht jedoch häufig aus dem Zusammenspiel mehrerer Kompetenzen. Genau wie bei einem Salat trägt selten eine einzelne Zutat den gesamten Geschmack. Der Wert entsteht erst daraus, wie sie miteinander kombiniert werden. Fachwissen ist eine dieser Zutaten. Erfahrung, Kommunikation, Kontextverständnis und die Fähigkeit, Wissen anzuwenden, gehören ebenso dazu.
Fachwissen spielt weiterhin eine wichtige Rolle. Gleichzeitig tauchen immer häufiger Anforderungen auf, die sich nicht einem einzelnen Beruf zuordnen lassen. Kommunikationsfähigkeit gehört dazu. Die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren. Der Umgang mit Veränderungen. Die Zusammenarbeit in Teams, die sich immer wieder neu zusammensetzen.
Auch Prozessverständnis gewinnt an Bedeutung. Entscheidungen entstehen über Team- und Bereichsgrenzen hinweg. Informationen müssen geteilt, priorisiert und gemeinsam bewertet werden.
Hinzu kommt die Fähigkeit, kontinuierlich zu lernen. Nicht im Sinne permanenter Selbstoptimierung, sondern als Bereitschaft, neue Themen aufzugreifen und sich in veränderten Situationen zurechtzufinden.
Der Umgang mit digitalen Werkzeugen gehört inzwischen ebenfalls dazu. AI, Automatisierung und digitale Zusammenarbeit werden für viele Rollen zunehmend selbstverständlich. Die Frage lautet häufig weniger, ob man diese Werkzeuge nutzt, sondern wie man sie bewusst und sinnvoll einsetzt.
Interessanterweise sind viele dieser Fähigkeiten im agilen Arbeiten schon lange angelegt. Scrum beispielsweise basiert auf Transparenz, Zusammenarbeit, kontinuierlichem Lernen und dem Umgang mit Unsicherheit. Niemand kennt dort zu Beginn alle Antworten. Teams arbeiten sich Schritt für Schritt voran, sammeln Erkenntnisse und treffen Entscheidungen auf Basis dessen, was sie aktuell wissen.
Genau darin steckt eine wichtige Kompetenz für die heutige Arbeitswelt: Entscheidungen treffen zu können, obwohl noch nicht alle Informationen vorliegen.
Wer darauf wartet, dass vollständige Sicherheit entsteht, wartet häufig sehr lange. Wer lernen kann, mit Unsicherheit umzugehen, entwickelt dagegen etwas, das in vielen Branchen immer wertvoller wird: Handlungsfähigkeit.
Wer beruflich unsicher ist, beginnt häufig zu suchen. Nach Antworten, nach Orientierung und oft auch nach einer passenden Weiterbildung.
Dabei zeigt sich schnell ein Muster: Viele Menschen suchen auf den ersten Blick nach neuem Wissen. Im Gespräch wird jedoch häufig etwas anderes deutlich: Sie möchten verstehen, wie sich ihre Arbeitswelt verändert. Sie möchten einschätzen können, welche Fähigkeiten künftig relevant werden. Und sie möchten herausfinden, wie ihre bisherigen Erfahrungen in dieses neue Bild passen.
Wissen allein ist heute an vielen Stellen verfügbar. Fachbücher, Online-Kurse, Videos und AI-Tools liefern Informationen in nahezu unbegrenzter Menge. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, dieses Wissen einzuordnen und auf die eigene Situation zu übertragen.
Deshalb gewinnen praxisnahe Lernformate an Bedeutung. Formate, die neue Themen mit konkreten Anwendungsfällen verbinden. Die Raum für Austausch schaffen. Die Menschen dabei unterstützen, neue Werkzeuge auszuprobieren und eigene Erfahrungen weiterzuentwickeln.
Lernen wird dadurch stärker Teil der beruflichen Entwicklung selbst. Es geht darum, Veränderungen besser zu verstehen. Sicherheit im Umgang mit neuen Themen aufzubauen. Das eigene Profil weiterzuentwickeln und herauszufinden, welche Zutaten im persönlichen Karrieresalat vielleicht bisher unterschätzt wurden.
Denn Orientierung entsteht in dem Moment, in dem Wissen, Erfahrung und Anwendung zusammenkommen und daraus neue Handlungsmöglichkeiten entstehen.
Der Gedanke, die eigene Karriere neu zu denken, löst bei vielen Menschen zunächst gemischte Gefühle aus. Manche verbinden damit Chancen und neue Möglichkeiten. Andere denken sofort an einen kompletten Neustart. Dabei geht es häufig um etwas anderes.
Die wenigsten Menschen beginnen beruflich tatsächlich bei null. Sie bringen Erfahrungen mit, haben Wissen aufgebaut, Projekte begleitet, Probleme gelöst und Fähigkeiten entwickelt, die oft weit über eine einzelne Stellenbezeichnung hinausgehen.
Genau deshalb lohnt sich der Blick auf den Karrieresalat. Wer seine Laufbahn ausschließlich als Karriereleiter betrachtet, sucht bei Veränderungen häufig nach der nächsten Sprosse. Im Karrieresalat bleiben die bisherigen Zutaten erhalten. Manche gewinnen mit der Zeit an Bedeutung. Andere treten in den Hintergrund. Neue kommen hinzu.
Neue Kompetenzen ergänzen bestehende Erfahrungen. Interessen verändern sich. Technologien kommen hinzu. Rollen entwickeln sich weiter. Die eigene berufliche Identität wächst mit diesen Veränderungen.
Es sind die kleinen Schritte, die langfristig die größte Wirkung entfalten. Ein neues Thema kennenlernen. Eine Weiterbildung beginnen. Ein Projekt übernehmen. Eine Fähigkeit vertiefen.
Niemand kann alles wissen. Niemand wird jede Entwicklung vorhersehen können. Dafür verändert sich die Arbeitswelt zu schnell und in zu viele Richtungen gleichzeitig.
Berufliche Sicherheit entsteht deshalb heute an anderen Stellen als noch vor einigen Jahren. Sie entsteht durch Lernfähigkeit. Durch Offenheit für neue Themen. Durch die Bereitschaft, Erfahrungen weiterzuentwickeln und neue Zutaten in den eigenen Karrieresalat aufzunehmen.
Orientierung hilft dabei oft mehr als Aktionismus. Denn wer jede neue Entwicklung sofort beherrschen möchte, läuft Gefahr, permanent hinterherzulaufen. Wer versteht, welche Veränderungen für die eigene Arbeit relevant sind, kann bewusster entscheiden, wo Zeit und Energie investiert werden sollen.
Genau hier kann gute Weiterbildung unterstützen. Sie schafft Klarheit in einer komplexen Arbeitswelt, hilft beim Einordnen neuer Entwicklungen und eröffnet Möglichkeiten, eigene Erfahrungen mit neuen Kompetenzen zu verbinden.
Perfektion war noch nie eine realistische Karriere-Strategie.
Anpassungsfähigkeit dagegen schon.
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